Die Zeitmaschine

„Walking in Memphis“ macht Marc Cohn 1991 schlagartig bekannt. Für seinen Hit bekam er damals einen Grammy verlieren als „Best New Artist“. Fast 20 Jahre später nimmt sich der 51 Jahre alte Singer/Songwriter die Helden seiner Kindheit vor und präsentiert ein Coveralbum mit seinen Lieblingsliedern aus dem Jahr 1970.

1970 war Marc Cohn elf Jahre alt. Einen Großteil seiner Freizeit verbrachte er damals im John Wade, einem Schallplattenladen knapp zwei Meilen von seinem Elternhaus entfernt. Dort wühlte er sich mit Freude durch die Neuerscheinungen und was ihm interessant erschien, nahm er mit in die „Listening Booth“, einer schalldichten Kabine, in der man in die Platten reinhören konnte. In dieser Hörkabine entstand seine Leidenschaft für Musik, die 1991 in seinem Superhit „Walking in Memphis“ kuminierte und in dem er dem Geist von Elvis Presley durch die Straßen der Südstaatenstadt folgte.

1970 war auch das Jahr, in dem die Musik am Scheideweg stand. Die Beatles hatten sich aufgelöst, Simon & Garfunkel ebenso. Und das, was man heute gemeinhin mit den 70er Jahren meint, wenn man über die Musik dieses Jahrzehnt spricht, also der Motown Soul, Punk, Hardrock, Bombastrock oder die ersten Gehversuche elektronischer Musik, waren am Horizont vielleicht schon in Umrissen erkennbar: Musikalisch klang es aber noch, als seien die 60er Jahre noch nicht vorbei.

Cohn überlebt Schuss in den Kopf

Trotzdem muss die Musik dieses Jahres einen großen Eindruck auf Marc Cohn hinterlassen haben, denn auf seinem neuen Album, „Listening Booth: 1970“, covert er zwölf seiner Lieblingssongs aus diesem Jahr. Das er dazu überhaupt die Gelegenheit hatte, ist einem kleinen Wunder zu verdanken. Cohn wurde 2005 auf dem Weg von einem Konzert zurück zum Hotel von einem Kriminellen in den Kopf geschossen. Wie durch ein Wunder wurde die Schädeldecke nicht von der Kugel verletzt und Cohn konnte das  Krankenhaus ohne bleibende Schäden verlassen.

Er stürzte sich wieder in die Arbeit, nahm 2007 das Album „Join the Parade“ auf tourte,  das nur in den USA erschien und kommerziell ein mäßiger Erfolg wurde. Das zumindest wird sich mit „Listening Booth: 1970“ ändern. In den USA, wo das Album schon Ende Juli erschienen ist, stieg es gleich in der ersten Woche auf Platz 28 der Album-Charts ein.

Ein Who-is-Who der Popgeschichte

Die Liste der Künstler, vor denen er sich mit diesem Album verbeugen will, liest sich wie ein Who-is-Who der Popgeschichte. Ob das jetzt Paul McCartney, Van Morrision, John Lennon, Joe Cocker, Joni Mitchell, Jackson Browne, John Fogerty and CCR oder Simon & Garfunkel – Cohn nimmt sich die ganz Großen vor.

Und das ist das Problem: Cohn liefert zwar zwölf gefällige Coverversionen ab, die alle mehr sind, als ein bloßes Nachspielen der Originale. John Lennons „Look at me“ poliert er mit Versatzstücken von „I’m a walrus“ auf, J.J. Cales „After Midnight“ bekommt ein Piano-Riff von Eric Clapton verpasst, womit Cohn wohl auf Claptons Coverversion anspielt, den „New Speedway Boogie“ der Grateful Dead, im Original ein deftiger Bluesrocker, verwandelt er in einen träge vor sich hin dümpelnden Swamprocksong.

Solche Überraschungen und Anspielungen finden sich in allen zwölf Coverversionen. Das macht das Album spannend und interessant – nur die Lieder reichen nicht an die Originale an. Sie wirken merkwürdig brav. Da hilft es auch nicht, dass Cohn über eine markante Stimme mit einem hohen Wiedererkennungswert verfügt und dass er nur Songs ausgewählt hat, die zu seinem Gesang passen. Cohn schafft es leider nicht, den Liedern seinen eigenen Stempel aufzudrücken, wie es zum Beispiel Johnny Cash auf seinen „American Recordings“ vermochte: Viele der dort versammelten Coverversionen sind mittlerweile bekannter als die Originale. Das wird mit Cohns Versionen nicht passieren. Sie klingen, als ob er zu großen Respekt vor seinen Idolen hatte, als ob die Ehrfurcht zu stark war, um ihnen richtig zu Leibe zu rücken. Bester Song ist dann auch „Long as I can see the light“ von Creedence Clearwater Revial, dessen Melancholie er nochmals steigert, in dem er den Mut hat, das Lied auf Gitarre und Gesang zu reduzieren.

So ist „Listening Booth: 1970“ zwar ein durchaus interessantes Album, dass sich von vielen anderen Coverplatten durch seine Spielfreude abhebt, doch dem der Mut fehlt, sich von seinen Vorbildern lösen. So bleibt ein Album, dass gefällig ist, aber nicht lange in Erinnerung bleiben wird.

„Listening Booth“ ist am 20. August 2010 bei Membran/ Neo/ Sony Music erschienen.

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