Mama wird 111 Jahre alt

Seit Beethoven seine letzte Klaviersonate mit Opus 111 überschrieb, genießt die Zahl ein gewisses Prestige bei Klassikliebhabern. In diesem Jahr jedoch werden sie weniger an den großen Komponisten denken, sondern an die Deutsche Grammophon: Das älteste Klassiklabel der Welt feiert sein 111-jähriges Bestehen.

Sie ist die Mutter aller Schallplattenfirma. Sie existiert länger als jede andere Firma im Musikgeschäft. In diesem Jahr wird die Deutsche Grammophon 111 Jahre alt. Sie feiert das mit einer aufwendig gestaltetenen Jubiläumsedition, die die Geschichte der Firma Revue passieren lassen. Die 55 CDs umfassende Jubiläumsbox „111 Years of Deutsche Grammophon“ erscheint in limitierter Auflage und versammelt 51 der wichtigsten Veröffentlichungen der Deutschen Grammophon. Die Sammlung enthält viele Aufnahmen, die Referenzstatus besitzen und Maßstäbe setzten. Allein die Liste der vertretenden Künstlern ist eindrucksvoll: Claudio Abbado, Leonard Bernstein, Placido Domingo, Herbert von Karajan, Lang Lang, Anne-Sophie Mutter, Anna Netrebko, Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler oder Fritz Wunderlich. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Es gibt kaum einen Künstler mit Rang und Namen in der klassischen Musik, der in den vergangenen 100 Jahren nicht bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht hat. So lässt die Jubiläumsbox „111 Years of Deutsche Grammophon“ nicht nur die Geschichte der traditionsreichen Schallplattenfirma Revue passieren, sondern auch die Geschichte der modernen klassischen Musik.

Schallplatte soll Grammophonverkauf ankurbeln

Gegründet wurde die Deutsche Grammophon im Jahr 1898 von den Brüdern Emil und Joseph Berliner. Der Anlass war rein ökonomischer Natur. Die junge Firma sollte Abspielmaterial produzieren, mit dem sich der Verkauf des von Emil Berliners erfundenen Grammophons auch in Mitteleuropa ankurbeln ließ. Der in Hannover geborene Emil Berliner war 1870 als junger Mann in die Vereinigten Staaten ausgewandert, um der Einberufung zum preußischen Militärdienst zu entgehen. In Amerika arbeitete er zunächst als Buchhalter und beschäftigte sich nach Feierabend mit akustischen und elektronischen Phänomenen. Bei einem seiner Feierabendexperimente erfand er im Jahr 1877 das Telefonmikrofon. Das Patent verkaufte Berliner an Graham Bell, der das Telefon als erster zur marktreife brachte. Von dem Geld richtete sich Berliner ein Labor ein. Zehn Jahre später meldete er eine neue Erfindung zum Patent an: Das Grammophon. Es dauerte nochmals zehn Jahre, bis er die Technik soweit hatte, dass das Grammophon Schallplatten in erträglicher Qualität abspielen konnte. In dieser Zeit experimentierte er nicht nur mit der Technik sondern auch mit der Zusammensetzung der Schallplatten. Schließlich fand er die optimale Mischung: Schieferpulver, Baumwollflock und Schellack. Berliners Schellackplatte setzte sich schnell als Industriestandard durch, da sie sich in Massenproduktion herstellen ließ. Im Juni 1898 gründete Emil Berliner mit seinem Bruder Joseph in Hannover die ersten Schallplatten und Grammophonfabriken in Hannover – die Deutsche Grammophon Gesellschaft war geboren.

In Hannover entsteht eine Schallplattenfabrik

In Hannover stellten die Brüder die Schellackplatten für die Grammophone Company in London her, die im selben Jahr von Emil Berliners Geschäftspartner William Barry Owen gegründet wurde. Für die Aufnahme der jungen Schallplattenfirma zeichnete sich der junge Amerikaner Fred Gainsberg verantwortlich. Er war es auch, der den ersten Star der Deutschen Grammophon verpflichtete: Enrico Caruso machte 1902 seine ersten Aufnahmen für die Deutsche Grammophon und sorgte für den ersten Verkaufsschlager der noch jungen Firma. Weitere große Sänger wie Fjodor Schaljapin, Nellie Melba oder Leo Slezak folgten. Im Jahr 1907 pressen die Brüder rund 35.000 Schallplatten am Tag in ihrer Fabrik in Hannover.

Rückschlag durch den 1. Weltkrieg

Eine ersten Rückschlag muss die Deutsche Grammophon mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hinnehmen. Ihr Vermögen wird von der deutschen Regierung beschlagnahmt. 1916 trennen sich der deutsche und der englische Teil der Gesellschaft – letzterer wird später zur EMI. Folge der Trennung: Die  Deutsche Grammophon darf keine im Ausland entstandene Aufnahmen im Ausland verkaufen und muss deshalb auf ihre bisherigen Stars wie Caruso, Melba oder die Operndiva Adelina Patti verzichten.

Neues Repertoire nach dem 1. Weltkrieg

In den folgenden Jahren baute sich die Firma ein neues Repertoire mit den besten Künstlern aus Deutschland und Mitteleuropa auf. Nach dem Krieg veröffentlicht das Unternehmen ihr neuen Aufnahmen unter dem Namen Polydor. Im Jahr 1925 wird die elektrische Aufnahmetechnik eingeführt, die zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung der Tonwiedergabe führte. Ein Jahr später nahm der damals vielleicht bedeutendste Dirigent seiner Zeit, Wilhelm Furtängler mit den Berlinern Philharmonikern seine ersten Schallplatten für die Deutsche Grammophon auf: Beethovens fünfte Symphonie und Webers „Freischütz“. Von Furtwängler, der 1886 im Berliner Stadtteil Schöneberg geboren wurde und 1954 in Baden-Baden verstarb, sind zwei Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern auf der CD-Box zu hören: Robert Schuhmanns 4.Symphonie, die er 1953 aufnahm und Haydns 88. Symphonie, die 1951 in der Berliner Jesus Christus-Kirche aufgezeichnet wurde.

Auch im 2. Weltkrieg wird produziert

Die Weltwirtschaftskrise, das Dritte Reich und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erschwerten auch bei der Deutschen Grammophon die Arbeit. Die Weltwirtschaftskrise fraß den Absatz auf, die Nationalsozialisten griffen immer mehr in die künstlerische Leitung des Unternehmens ein, bis sie im Jahr 1942 der Deutschen Grammophon formell verboten Aufnahmen mit jüdischen Künstlern zu veröffentlichen. Zudem sollten alle vorhandenen Einspielungen mit jüdischer Künstler vernichtet werden. Trotzdem werden in dieser Zeit weiterhin Schallplatten produziert. So nahm Herbert von Karajan 1938 seine erste Schallplatte für die Deutsche Grammophon auf. Mehr als 330 Schallplatten, darunter drei Beethoven-Zyklen und Richard Wagners kompletten Ring-Zyklus, wird der vielleicht berühmteste und bekannteste Dirigent aller Zeiten im Laufe seiner weiteren Karriere für die Deutsche Grammophon aufnehmen. Karajan, dessen Tod sich in diesem Jahr zum 20. Mal jährte, ist auf der Jubiläumsedition gleich zweimal vertreten: Einmal mit der ersten Stereoaufnahme von Beethovens 9.Symphonie aus dem Jahr 1962, die bis heute als Referenzaufnahme gilt. Die zweite Aufnahme, an der Karajan beteiligt ist, sind die Violin-Konzerte von Johannes Brahms, mit Anne-Sophie Mutter an der Geige aus dem Jahr 1981.

Nach Kriegsende eröffnete das Unternehmen eine kleine Produktionsstätte für Schallplatten in Berlin, während in Hannover die zerstörten Firmengebäude wieder aufgebaut wurden. Trotz Nachkriegswirren stürzte sich die Deutsche Grammophon in die Produktion neuer Tonträger und gründete 1947 Sublabel Archiv Produktionen, das sich der Förderungen alter Musik widmet. Die ersten Veröffentlichungen waren Orgelwerke von Bach, die Helmut Walcha in der Lübecker Jakobskirche einspielte.

Der technische Fortschritt bestimmt die 50er Jahre

Der Beginn der fünfziger Jahre stand ganz im Zeichen des technischen Fortschritts: 1950 wurde die 78-U/min Schallplatte mit maximal neun Minuten Spielzeit eingeführt, ein Jahr später veröffentlichte die Deutsche Grammophon ihre erste 33-U/min-Langspielplatte – die LP.

Im Jahr 1953 unterzeichnete der österreichische Dirigent Karl Böhm einen Vertrag bei der Deutschen Grammophon und veröffentlicht seine erste Schallplatte bei dem Unternehmen: Beethovens 5. Symphonie. Böhm, der zahlreiche berühmte Orchester dirigierte, unter anderem die Wiener Philharmoniker und Berliner Philharmoniker, nahm in den folgenden Jahren fast alle Opern von Richard Strauss und alle Symphonien von Wolfgang Amadeus Mozart für die Deutsche Grammophon auf. Von dem 1894 geborenen und 1981 verstorbenen Böhm ist auf der CD-Box Mozarts letzte und vielleicht beliebteste Komposition, das „Reqiuem“ zu hören, das Böhm 1971 aufnahm.

Beethovens 200. Geburtstag bestimmte die 60er

In den späten 60er Jahre bestimmt vor allem Beethovens 200. Geburtstag die Labelpolitik. Aus diesem Anlass veröffentlicht die Deutsche Grammophon 1969 ihre erste Beethoven Edition auf 76 LPs. Weitere Groß-Editionen des Komponisten folgten in den Jahren 1977 und 1997. Ein weiterer Meilenstein in der Veröffentlichungsgeschichte des Unternehmens ist die Edition „Die Welt der Symphonien“, die anlässlich des 75. Geburtstags der Schallplattenfirma 1973 auf 93 LPs erschien. Zwei Jahre später veröffentlichte der Dirigent Carlos Kleiber Beethovens 5.Symphonie, die auch auf der Box zu hören ist. Das Time Magazine schrieb damals begeistert:: „Seine Arbeit überwindet konventionelle Vorstellungen und Geschmacksurteile. Kleiber löst den Lack von einer der am meisten von Traditionen verkrusteten Meisterwerke, um das Wesentliche der Kunst freizusetzen.“

Im Jahr der Olympischen Spiele in München, 1972, nimmt die Deutsche Grammophon ein einen weiteren herausragenden Dirigenten und Komponisten unter Vertrag: Leonard Bernstein. Er sorgte 1985 mit der Aufnahme der von ihm komponierten Musik zur West Side Story für einen der größten kommerziellen Erfolge der Deutschen Grammophon. Die Aufnahme darf auf der Jubiläumsedition natürlich nicht fehlen.

Eine Sammlung voller Referenzaufnahmen

Weitere Referenzaufnahmen, die in den 60er, 70er und 80er Jahre entstanden sind und die den Weg auf die CD-Box gefunden haben, sind die 8. und 9. Dvorak-Symphonie, die der tschechische Dirigent Raffael Kubeliks 1966 und 1973 mit den Berliner Philharmonikern aufnahm, Arturo Benedetti Michelangelis Debussy-Aufnahmen, sowie John Elliot Gardiners gemeinsam mit dem Monteverdi-Chor 1989 in Venedig und London aufgezeichneten Aufführung von Claudio Monteverdis Marienvesper.

Verlust der bedeutesten Dirigenten

Mit Herbert von Karajan und Leonard Bernstein verlor nicht nur die Musikwelt 1989 und 1990 zwei ihrer bedeutendsten Dirigenten, sondern die Deutsche Grammophon seine wichtigsten Künstler. Karajan ist auch der Grund, warum die Deutsche Grammophon nicht ihren 110. Geburtstag feierte, sondern ihren 111., wie Michael Lang, Vorsitzender der Deutschen Grammophon erklärt: „2008 jährte sich Herbert von Karajans Geburtstag zum 100. Mal, und wir hielten  es nicht für sinnvoll, zwei große Jubiläen nebeneinander im selben Jahr zu begehen. Und da der Künstler stets Vorrang hat, haben wir unsere Festlichkeiten um ein Jahr verschoben.“

Auch die Gegenwart  ist vertreten

Die Gegenwart der klassischen Musik findet sich ebenfalls in der Jubiläumsedition wieder. Gustavo Dudamel begeistert mit seiner 2006 gemeinsam mit dem Simon Bolivar Jugendorchester aufgenommenen fünften Symphonie Gustav Mahlers, von Marc Minkowski und dem Orchester der Les Musiciens du Louvre aus Grenoble gibt es aus dem Jahr 2005 Jean-Phillippe Rameaus „Une Symphonie Imaginaire“ zu hören und das Debut-Album mit Klavierkonzerten von Mendelssohn und Tschaikowskys des chinesischen Pianisten Lang Lang zeigt eindrucksvoll dessen Talent. Auch Anna Netrebkos Debut-Album „Opera Arias“ aus dem Jahr 2003 sowie Hillary Hahns Bach-Konzerte dürfen auf dieser an Höhepunkte reichen CD-Box nicht fehlen.

Eindrucksvoller Sammlung

Die Deutsche Grammophon zeigt auf ihrer Jubiläums-Box „111 Years of Deutsche Grammophon“ eindrucksvoll, warum sie als die bedeutendste Klassik-Schallplattenfirma ist. So viel herausragende Aufnahmen auf einer CD-Box versammelt, findet man sonst nirgends. Dazu ist Jubiläumsedition aufwendig gestaltet. Jede der 51 CDs kommt im Originalcover der Erstveröffentlichung, das 150 Seiten starke Booklet informiert sowohl über die vertretenen Künstler und Aufnahmen als auch über die wichtigsten Stationen in der Geschichte des traditionsreichen Klassiklabels. Auch der Preis, der deutlich unter 100 Euro liegt, kann sich sehen lassen. Einziger Kritikpunkt an der Zusammenstellung: Leider finden sich nur Nachkriegsaufnahmen unter den 51 CDs. Gerne hätte man auch Aufnahmen aus der Frühzeit der Deutschen Grammophon, etwa von Enrico Caruso, Nellie Melba oder Adelina Patti gehört. Doch trotz dieses Wehmutstropfens, handelt es sich bei „111 Years of Deutsche Grammophon“ um eine Zusammenstellung, die nicht nur Klassikliebhabern viel Freude bereiten wird und somit der langen, traditionsreichen Geschichte der Deutschen Grammophon gerecht wird.

„111 Years of Deutsche Grammophon“ ist am 9. Oktober erschienen.

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