Das Ausmalen der Stille

Mit ihrem Debüt-Album „Speech Therapy“ rettet uns Speech Debelle den Herbst – und zeigt nebenbei dem Hip Hop neue Wege auf.

Mann hat seine Probleme mit ruhiger Musik. Mag sie auch noch so sehr die eigene Stimmung treffen – wenn wir die Platte jemand anderen als unserer Freundin empfehlen oder gar schenken, endet es meistens damit, dass Mann sich rausredet. Mann spricht dann davon, wie gut die Platte produziert ist, wie toll die Frau singt und überhaupt, Mann erfindet Ausreden anstatt einfach zuzugeben, dass auch er den Gefühlen im tristen Nebelwetter nicht immer widerstehen kann.

Was Speech Debelle vor einigen Wochen in England auf dem Markt gebracht hat und in Deutschland (zum Glück) noch recht stiefmütterlich behandelt wird, rechtfertigt das Eintreten für die großen Gefühle: Ruhige Musik mit Streichern mit Frauengesang, voll Pathos. Perfekt arrangiert und doch authentisch und erdig. Und: Es ist Hip Hop.

 

Der Prototyp der männlichen Kampfsau, die alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen oder hinter den Boxen ist, flachlegt bzw. gegen die Wand spielt, Keith Richards von den Rolling Stones, sagt über Musik: „Meine Leinwand ist die Stille. Wenn du diese Stille zu sehr ausfüllst, fangen die Probleme an, und am Ende steht nur noch alles dumm im Weg herum.“

Richards war in den 1960ern mitverantwortlich für die Revolution nach außen, dass auf die Straße gehen bei „Street Fighting Man“, die Verruchtheit der Drogen bei „Sympathy for the Devil“ oder die Hymne an die Zerstörung „Gimmie Shelter“ – dutzendfach eingesetzt durch Regisseure wie Martin Scorsese bei Filmexzessen.

Speech Debelle, bürgerlich Corynne Elliot, nimmt sich die Leinwand des Keith Richards und zerstört sie. Sie greift auf die gleichen Zutaten wie der Stones-Mann zurück, vermixt Folk und Blues, greift auf die klassische Liveband aus Gitarre, Bass und Schlagzeug zurück und versetzt sie ins Hier und Jetzt. Was sie aus der Stille der Musikgeschichte schafft verdient es, gehört zu werden.

2009 im Juni bringt Elliot ein Album heraus, was nicht ohne Zufall erst jetzt im Herbst die Menschen erreicht. Die 26jährige, gerade als Sensationsgewinnerin des renommierten Barclay Mercury Prize bestätigt, macht den aufgeblasenen Hip Hop, der seine Proletenlektion von Richards gründlich gelernt hat, zu einer Therapiestunde der privatesten Probleme.

Aufgewachsen in South East London bringt die Rapperin so ziemlich alles mit, was einen kredibil macht, um ein HipHop-Star zu sein: Eine verpfuschte Kindheit, ein Vater, den sie nie richtig kennen gelernt hat, mit 19 Jahren dann der Auszug aus dem Haus der Mutter, vier Jahre auf der Straße angefüllt mit Drogen, Gewalt, Verzweiflung.

Doch der Bruch in der steilen Gangster-Rapper- Karriere a la Missy Elliot und Konsorten wird gebrochen, als Debelle mit 23 Jahren zu ihrer Mutter zurückkehrt. Ihre Musik, und dass ist Debelle extrem wichtig, liest sich wie eine Biographie der dunklen und der hellen Seiten dieser Zeit. Was verhindert, dass wir so ein typisches „Ich-erkenne-mich-selbst-und-muss-es-der-Welt-unbedingt-mitteilen“- Ding haben, ist, dass Debelle ehrliche Texte mit exzellenter Musik verkleidet. Die Leinwand der Stille wird gefüllt durch eine hervorragende akustische Gitarre, treibende Hip Hop-Beats, die live eingespielt sind und ab und zu eine zusätzliche sparsame Instrumentierung.

Ihr Alter ist dabei Debelles größte Stärke: Hier rappt eine Frau über Eifersucht auf Facebook, die Xbox des Exfreunds, die Hektik der Großstadt und über die Suche nach der eigenen Identität. Als Hörer packt einen der Beat und man gleitet in das Innere der Sängerin, verfolgt ihre Lebensgeschichte zwischen Verzweiflung, Wut, Aggression und Liebe, ohne das die Texte in die Peinlichkeit abgleiten.

Für den im Hip Hop so wichtigen Respekt sorgt dabei die Zusammenarbeit mit Großmeister Roots Manuva. So verneigt sich die Gegenwart des Hip Hop schon einmal vorsorglich vor einer Frau, die durchaus dafür sorgen könnte, dem inzwischen leicht angestaubten Mainstream- Hip Hop neue Lebensgeister zu verpassen.

„Speech Therapy“ beginnt ruhig: Lose finden die Instrumente und die Stimme im ersten Track „Searching“ zusammen und formen eine Einheit. Ein jazziges Schlagzeug untermalt die sphärische Akkustik-Gitarre, während der Gesang von fragmentarischen Raps ausgehend sich eingroovt und zum charakteristischen HipHop-Sprechgesang übergeht.

Beim vierten Lied „Spinnin“ findet die Platte endgültig ihre Form, zwischen jazziger, groovender Instrumentierung gibt die Stimme den Druck vor, mit unglaublicher Intensität zwischen Zorn und Traurigkeit, pubertärem Trotz und intelligenten Beobachtungen. Es folgen autobiographische Stücke über verflossene Beziehungen, den Vater – und schließlich „Wheels in Motion“. Kaum ein HipHop-Stück, dass über Streicher und Klavier so erdig, so gerade daherkommt und einen mitnimmt, über die Gesangslinie auffängt und fort trägt.

Ab „Wheels in Motion“ festigt sich die Platte, jedes Lied ist eine Steigerung hin zu „Finish this Album“, dem vielleicht großartigsten Hip Hop-Lied dieses Jahres. Wieder trägt nur die Stimme das Lied, während die Musik zwischen Klassik, Jazz und HipHop schwebt. Musik, wie ein sanfter Weckruf am Morgen, ein Tag alleine am Strand, um Schönheit aber auch die Abgründe der Welt wahrzunehmen.

Die größte Gefahr, die bei dem Debütalbum „Speech Therapy“ immer mitschwingt, ist gleichzeitig auch die Stärke des Albums. Es ist zwar zornig, es ist Hip Hop, es ist aber auch ruhig und kommt somit im Mainstream an. Dadurch bleibt offen, was man Speech Debelle wünschen soll, denn der ersehnte Chart-Erfolg bringt zwangsläufig eine Heavy Rotation in Schlecker-Filialen, Karstadt- Aufzügen und Restaurant- Toiletten mit sich.

Die Platte eignet sich sowohl dazu, alleine durch den Hamburger Hafen zu laufen als auch dazu zu feiern – und leider auch, um im Balzac einen Coffee-to-go zu bestellen. Und wenn Mann mit seiner Vorliebe für ruhige Musik permanent in der Öffentlichkeit konfrontiert wird, bleibt es eine kurze Affäre – ein Schicksal, dass diese Platte nicht verdient hat. Sven Hirschler

Sven Hirschler, freier Journalist.

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