Kreuzberger Country-Ausflüge

Charlotte GoldermannPünktlich zum Herbstbeginn melden sich die größten Melancholiker der hiesigen Poplandschaft mit einem neuen Album zurück. Element of Crime mischen auf „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ vertraute Klänge und Texte in altbewährter Sven-Regener-Manier mit luftig-leichten Countrynummern.

Die Tage werden kürzer. Der Sommer verabschiedet sich, der Herbst steht vor der Tür. Die ersten Bäume verlieren ihre blassgelben oder rostigroten Blätter. Da trifft es sich gut, dass sich die größten Melancholiker der hiesigen Poplandschaft rechtzeitig mit einem neuen Album zurückmelden.

Zehn neue Songs präsentieren „Element of Crime“ um Sänger und Gitarrist Sven Regener – der auch als Autor der „Herr Lehmann“-Romane zu literarischem Ruhm gelangte – auf ihrem mittlerweile 13. Album. „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ klingt überraschend und vertraut zugleich und könnte ihr mit Gold ausgezeichnetes Album „Mittelpunkt der Welt“ (2005) toppen.

Schnoddrige Liebeserklärungen

Bild: Charlotte Goldermann

Im gesetzten Alter hat das Quartett – bis auf Regener sind die übrigen drei Bandmitglieder jenseits der 50 – seine Liebe für Countrymusik entdeckt. Gleich das erste Lied „Blick aus dem Fenster“ ist eine beschwingte Ausfahrt, die den Hörer geradewegs aus Berlin-Kreuzberg nach Nashville zu führen scheint.

Statt einem Chanson im Dreivierteltakt gibt es eine luftig-leichte Countrynummer, stilecht mit Slidegitarre dargeboten, zu der am Ende ein Akkordeon stößt. Dazu singt Regener mit ungewohnter Schnoddrigkeit Liebeserklärungen, wie „Was für Cloppenburg Pfanni ist, bist du für mich, und dann scheiß auf Metaphern, die sind böse und heiß und im Gesicht haben sie Pickel, die sind nicht schön“.

Mundharmonika und Ukulele

Diese Country-Ausflüge mischen Element of Crime mit vertrauten Klängen der vergangenen Alben. So entstehen Lieder, die im Tempo mal verhaltener, in der Stimmung melancholischer sind – wie in „Einer kommt weiter“ -, mal im Walzertakt daherkommen – wie bei „Kaffee und Karin“ – oder einfach stumpf rocken – wie das titelgebende Stück „Immer da, wo du bist, bin ich nie“.

Dazu setzen Element of Crime neben Schlagzeug, Gitarre und Bass auch Mundharmonika, Steel-Gitarre, Akkordeon, Ukulele, Streicher, Orgel und Trompete ein. Immer dezent im Wechsel, so dass kein Lied überfrachtet klingt.

Herz für romantische Verlierer

Bild: Universal MusicDoch die Musik ist nur hübsches Beiwerk für Regeners Texte, die wieder zwischen lakonischer Alltagspoesie und traurigen Liebesliedern pendeln und ein Herz für romantische Verlierer haben. Regener schwankt dabei zwischen bissiger Selbstironie, („Dass das Bier in meiner Hand alkoholfrei ist, ist Teil einer Demonstration gegen die Dramatisierung meiner Lebenssituation“ in „Kaffee und Karin“), zwischen Wehmut („Der hat ein Erdbeereis in seiner Hand, das hängt bedenklich schräg nach vorn in seiner Waffel und tropft sich selbstverschwendend auf die Haute Couture am Leib des ganzen Stolzes seiner schönen Eltern und wird zu Dreck dort, genau wie ich bei dir“ in „Am Ende denk ich immer nur an dich“) und großem Spaß („Freu dich nicht zu früh auf den Sommer, Weihnachten ist gerade erst vorbei, im Einkaufszentrum gibt es heiße Ohren und im Fernsehen läuft der weiße Hai“ in „Der weiße Hai“).

Erfolg trotz deutscher Texte

Element of Crime bleiben sich damit auch auf „Immer da wo du bist bin ich nie“ treu. Spätestens mit ihrem 1991 erschienenen Album „Damals hinterm Mond“ hatte die 1985 in Berlin-Kreuzberg gegründete Band ihren Stil gefunden. Bis dahin spielte die Band artifiziellen Postpunk und Regener sang in englischer Sprache. Als „Damals hinterm Mond“ Anfang der Neunziger erschien, war die Neue Deutsche Welle längst verebbt und die Hamburger Schule steckte noch in ihren Kinderschuhen.

Deutschsprachige Popmusik war alles andere als populär. Trotzdem enthielt das Album nur deutschsprachige Lieder. Für die damalige Zeit ein gewagter Schritt. Das Album wurde dennoch ein Erfolg.

Schönheit des Scheiterns

Ein Grund dafür waren Regeners Texte. Sie nahmen damals schon vorweg, wofür er Jahre später als Autor der drei „Herr Lehmann“-Romane gefeiert wurde: Alltagsbeobachtungen und autobiografische Fetzen, die mal voller Sarkasmus, mal voller augenzwinkernder Selbstironie steckten, denen aber immer ein melancholischer Unterton innewohnte.

Regeners Lust, die Schönheit des tragischen Scheiterns in immer neuen Wendungen zu zeigen, war spürbar. Ein weiterer Grund für den Erfolg von „Damals hinterm Mond“ war die musikalische Hinwendung zum Chanson, was die Lieder eingängiger und massenkompatibel machte.

Experimente mit dem Massengeschmack

Bild: Charlotte GoldermannDiesen Sound verfeinerte die Band mit jedem Album ein bisschen mehr. Dabei scheute die Band auch vor Experimenten nicht zurück. So zum Beispiel auf ihrem 1999er Album „Psycho“, auf dem sie Sequenzer, Synthesizer oder Stimmverzerrer benutzten und das knapp an den Top Ten der deutschen Albumcharts vorbeischrammte.

Die beiden darauffolgenden Alben verzichteten auf derlei Spielereien. Machte das Album „Romantik“ (2001) mit einer hochpolierten Produktion seinem Namen alle Ehre, ging „Mittelpunkt der Welt“ (2005) in die entgegengesetzte Richtung und klang rauer und reduzierter aber immer unverkennbar nach Element of Crime.

In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ sagte Regener vor kurzem, dass Element of Crime in ihrer Karriere nur vier verschiedene Lieder geschrieben hätten. Alle anderen seien nur Variationen derselben gewesen. Das mag sein, aber wenn diese vier Lieder so schön sind wie auf „Immer wo du bist bin ich nie“, dann dürfen Element of Crime sie ruhig häufiger wiederholen.

„Immer da, wo du bist, bin ich nie“ ist am 18. September erschienen.

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